Wertschätzende Kommunikation: Warum „Ja, und“ statt „Ja, aber“ den entscheidenden Unterschied macht

Visualisierung des Unterschieds zwischen "ja, ABER" und "ja, UND" in der Kommunikation: Links zeigt ein unterbrochener Pfad die Unterhaltung bei "aber", rechts zeigt ein fließender, aufsteigender Pfad die Unterhaltung bei "und"

Wertschätzende Kommunikation: Warum „Ja, und“ statt „Ja, aber“ den entscheidenden Unterschied macht

Ein einziges Wort kann darüber entscheiden, ob ein Gespräch in eine Sackgasse führt oder sich öffnet. Dieser Unterschied liegt nicht in der Lautstärke oder in der Länge der Argumentation. Er liegt in einer winzigen sprachlichen Weichenstellung, die oft unbemerkt bleibt, aber psychologisch betrachtet enorme Wirkung entfaltet.

Das Problem: Wenn „aber“ wertschätzende Kommunikation verhindert

Betrachten wir zwei Varianten desselben Satzes:

„Ja, aber wir müssen das Budget im Auge behalten.“
„Ja, und wir müssen das Budget im Auge behalten.“

Es ist exakt derselbe Satz mit derselben Sorge. Und doch fühlt sich die eine Formulierung an wie eine Tür, die zugeht, während die andere wie eine Einladung zum gemeinsamen Nachdenken wirkt.

Das Wort „aber“ löscht aus, was gerade noch gesagt wurde. Wenn jemand sagt „Ich verstehe dich, aber ich sehe das anders“, kommt beim Gegenüber nicht an: „Du verstehst mich.“ Was ankommt ist: „Dein Punkt interessiert mich nicht wirklich.“

In meiner Arbeit als psychologische Coach begegnet mir dieses Muster ständig: in Teambesprechungen, in Partnerschaften, sogar in der Art, wie Menschen mit sich selbst sprechen. Das „aber“ funktioniert wie eine Abwehrbewegung.

Das „und“ macht etwas grundlegend Anderes: Es nimmt auf, was da ist, und fügt etwas hinzu. Es sagt: „Deine Perspektive hat Raum, und ich habe auch eine, die ich einbringen möchte.“

Spüren Sie selbst den Unterschied:

„Ich verstehe dich, aber ich sehe das anders…“
Was ankommt: Ich warte schon die ganze Zeit auf meinen Einsatz.

„Ich verstehe dich, und mir geht dabei durch den Kopf…“
Was ankommt: Deine Sichtweise zählt, lass uns gemeinsam weiterbauen.

Worum es wirklich geht: Ziele erreichen statt Kämpfe gewinnen

In den meisten Gesprächen geht es nicht darum, Recht zu haben. Es geht darum, etwas zu erreichen: eine Lösung finden, eine Entscheidung treffen, Verständnis schaffen, Vertrauen aufbauen.

Wenn Sie die Perspektive Ihres Gegenübers erst anerkennen, bevor Sie eine andere Richtung einschlagen, sinkt die Abwehrbereitschaft. Die Person hört tatsächlich zu. Wenn Sie ihren Beitrag gleich zu Beginn entwerten, schaltet das Gehirn in den Verteidigungsmodus. Sie macht innerlich dicht.

Der schnellste Weg zu Ihrem Ziel führt darüber, dass sich Ihr Gegenüber als Teil der Lösung fühlt, nicht als jemand, der gerade verloren hat.

Die Psychologie wertschätzender Kommunikation

Aus psychologischer Sicht wirken hier mehrere Mechanismen:

Selbstwertschutz: Menschen haben ein grundlegendes Bedürfnis, ihren Selbstwert zu schützen. Das „aber“ wird als Bedrohung interpretiert und aktiviert Abwehrmechanismen. Das „und“ signalisiert Sicherheit.

Kognitive Offenheit: Wenn Menschen sich verstanden fühlen, öffnet sich ihr Denken. Sie sind bereit, neue Informationen aufzunehmen und andere Perspektiven zu erwägen. Diese kognitive Flexibilität ist die Voraussetzung für konstruktive Problemlösung.

Beziehungsdynamik: Kommunikation gestaltet immer auch Beziehung. „Aber“ signalisiert Hierarchie und Konkurrenz. „Und“ signalisiert Gleichwertigkeit und Kooperation.

Wertschätzende Kommunikation mit sich selbst

Diese Dynamik gilt nicht nur für Gespräche mit anderen, sondern auch für die Art, wie wir mit uns selbst sprechen:

„Ich habe das gut gemacht, aber ich hätte noch…“
versus
„Ich habe das gut gemacht, und beim nächsten Mal kann ich noch…“

Im ersten Fall wird der eigene Erfolg sofort relativiert. Im zweiten bleibt er bestehen, während gleichzeitig Raum für Wachstum geschaffen wird.

Was Sie heute ausprobieren können

Achten Sie einmal darauf, wie oft Sie „aber“ sagen. Zu anderen, zu sich selbst. Es ist wahrscheinlich häufiger, als Sie denken.

Dann probieren Sie Folgendes: Ersetzen Sie heute nur ein einziges „aber“ durch ein „und“. Beobachten Sie, was mit der Energie im Raum passiert. Wie reagiert Ihr Gegenüber? Wie fühlt sich das Gespräch an?

Es ist eine winzige Veränderung, die einen erstaunlich großen Unterschied machen kann.

Ein letzter Gedanke

Es geht nicht um perfekt kontrollierte Kommunikation oder darum, sich selbst ständig zu zensieren. Es geht darum, sich bewusst zu werden, welche Wirkung unsere Worte entfalten. Und dann zu entscheiden: Will ich eine Tür schließen oder eine Brücke bauen?

Wertschätzende Kommunikation bedeutet nicht, allem zuzustimmen. Sie bedeutet, strategisch zu kommunizieren, wenn Ihnen das Ziel wichtiger ist als das Rechtbehalten. Sie bedeutet, „und“ zu sagen, wenn Sie eigentlich „aber“ sagen wollten, und dann zu beobachten, was sich verändert.

Probieren Sie es aus. Ein Wort. Eine andere Energie. Ein anderes Gespräch.

Glossar und Begriffserklärungen
Kognitive Flexibilität

Kognitive Flexibilität beschreibt die Fähigkeit, zwischen verschiedenen Denkweisen zu wechseln, neue Informationen aufzunehmen und andere Perspektiven zu erwägen. Sie entsteht vor allem dann, wenn Menschen sich psychologisch sicher fühlen und nicht in Abwehrhaltung gehen müssen. Kognitive Flexibilität ist essenziell für Lernen, Problemlösung und konstruktive Gespräche.

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